Käfige
Christian Renz (1997-98)
Wir alle kennen Käfige. Diese Dinger, in die man Haustiere einsperrt, damit sie nicht weglaufen, wenn man sie streicheln will. Die gibt es auch für Menschen. Die streichelt man dann aber besser nicht.
Käfige sind sehr individuell. Kanarienvägel lieben große vergitterte Käfige mit Schaukeln und Spiegeln. Zumindest geht es ihnen nicht schlecht da drin. Für einen Goldfisch wäre das der Tod. Der will es lieber noch abgeschlossener. Nicht Gitter, sondern Glas. Mit viel Wasser drin.
Trotzdem - Käfige haben irgendwie einen negativen Touch. Ist ja schließlich nichts für uns, nur für Tiere. Böse Menschen. Die anderen halt.
Wissen Sie, ich lebe auch in so einem Käfig. Das heißt - nicht mehr. Oder doch?
Das verstehen Sie nicht? Sie meinen, das geht nicht, gleichzeitig drinnen und draußen? Sie werden lachen - das geht. Ich habe das Gefühl, Teile von mir warten draußen auf mich, andere Teile habe ich im Käfig zurückgelassen.
Ich weiß schon, was sie jetzt denken. Nein, ich stehe nicht mit einem Bein im Gefängnis. Tagesklinik? Was für eine Tagesklinik? Ach so - nein, ich bin auch nicht in psychiatrischer Behandlung. Nein, das ist ein Käfig ganz besonderer Art. Daran habe ich selber mitgebaut. Nicht alleine, viele haben mir geholfen.
Haben sie schon einmal darüber nachgedacht, dass so ein Käfig eigentlich eine richtig gute Sache ist? Warum lachen Sie denn? Das meine ich ernst!
Eigentlich ist es gar kein Käfig. Mehr eine Art Stütze. Oder auch ein Schutzwall. Was wären wir denn ohne Käfig? Was heißt hier wir, entgegnen Sie. Ich glaube, sie haben auch einen. Sie sehen ihn bloß nicht.
Jetzt sind sie eingeschnappt. Warum denn? Ich glaube, Sie hören mir gar nicht zu. Ich sagte doch, Käfige sind was Gutes.
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